Freitag, Juni 15, 2007

Politik

Der Mindestlohn

Der gesetzliche Mindestlohn soll den Arbeitnehmern, den Verkäufern ihrer Arbeitskraft ein Mindesteinkommen garantieren, mit dem sie ohne weitere staatliche Hilfe ein menschenwürdiges Leben führen können. Ein bei einem relativen Überangebot an Arbeitskräften mögliches Lohndumping könne damit verhindert werden, argumentieren die Befürworter eines Mindestlohnes. Unangemessen niedrige Löhne, die zum Leben nicht mehr ausreichen sind auch in Deutschland leider keineswegs nur graue Theorie. Gerade im klassischen Niedriglohnsektor, aber nicht nur dort, hört man immer wieder von geradezu sittenwidrig anmutenden Löhnen. In Deutschland werden in 670 Berufen Löhne von weniger als sechs Euro pro Stunde gezahlt. Das geht aus einer Übersicht des Bundeswirtschaftsministeriums hervor, die auf Anfrage der CDU/CSU-Fraktion erstellt wurde. Der bundesweit niedrigste Stundensatz wird demnach in Sachsen gezahlt:
Ungelernte Angestellte im Gartenbau bekommen ganze 2,74 Euro pro Stunde. In Thüringen schneiden Friseusen ihren Kunden für einen Stundenlohn von 3,18 Euro die Haare. Wachmänner in Sachsen-Anhalt arbeiten für 3,91 Euro pro Stunde, in Mecklenburg-Vorpommern nachts für vier Euro und in Schleswig-Holstein auch nur für 4,74 Euro.





Kann ein Mindestlohn da Abhilfe schaffen, oder führt er nur zu höherer Arbeitslosigkeit, wie die Gegner eines Mindestlohnes aus CDU/CSU, FDP und dem Arbeitgeberverband immer wieder behaupten?
Auf einem freien Arbeitsmarkt wird die Lohnhöhe, also der Preis, genauso wie auf jedem anderen freien Markt, allein durch das freie Spiel von Angebot (AA) und Nachfrage (AN) geregelt. Der sich daraus ergebene Gleichgewichtspreis der Arbeitskraft ist der Lohn (Wr0).


Liegt der Mindestlohn unterhalb des Gleichgewichtspreises, so bleibt er wirkungslos. Liegt er aber darüber, so wird weniger Arbeitskraft (A1) nachgefragt als angeboten wird (A3). Die Folge: Es entsteht ein Angebotsüberhang an Arbeitskraft (Strecke A1-A3), was nichts anderes als Arbeitslosigkeit bedeutet. Der Fall scheint also klar. Mindestlöhne helfen den betroffenen Arbeitnehmern nicht so wie gewünscht, denn sobald sie oberhalb des Marktgleichgewichts liegen -also der Lohnhöhe, die der Arbeitsmarkt ohnehin hergibt- bewirken sie lediglich eine höhere Arbeitslosigkeit und schaden damit nur.
Doch der Arbeitsmarkt weist eine Besonderheit auf, die ihn von anderen Märkten grundlegend unterscheidet. Die Arbeitnehmer sind auf den Verkauf ihrer Arbeitskraft existenziell angewiesen, da sie sehr häufig keine wirkliche Alternative dazu haben, so beispielsweise der Weg in die Selbstständigkeit, der aber ausreichend Kapital erfordert, woran es oft gerade aber fehlt. Diese Alternativlosigkeit hat gravierende Folgen, denn die Arbeitnehmer können bei sinkenden Löhnen (Marktpreisen), sich nicht aus dem Markt zurückziehen, ihr Arbeitskräfteangebot also nicht verringern. Wovon sollten sie dann auch leben? Bei Löhnen, die sich dem Existenzminimum nähern oder sogar darunter fallen, sind die betroffenen Arbeitnehmer gezwungen ihr Arbeitskräfteangebot sogar zu erhöhen, damit es zum Leben reicht, indem sie sich etwa mehrere unterschiedliche Arbeiten suchen oder einfach Mehrarbeit (Überstunden) ohne Lohnausgleich leisten.


Daraus ergibt sich ein ganz besonderer Verlauf der Kurve des Arbeitskräfteangebots (AA).Neben dem regulären Lohn (Wr3) ergeben sich weitere Gleichgewichtspreise, die niedrigeren Löhnen (Wr2 und Wr1) entsprechen. Insbesondere der Lohn Wr1 liegt auf einem extrem niedrigen Niveau, deutlich unter dem Existenzminimum. Durch die Einführung der Mindestlöhne M1 oder M2, zum Beispiel, kann ein Marktgleichgewicht bei den höheren Löhnen Wr2 oder Wr3 erreicht werden, ohne die Gefahr von Arbeitslosigkeit heraufzubeschwören. Erst bei einem Mindestlohn M3 oberhalb des Marktgleichgewichts bei
Wr3 würde ein Angebotsüberhang an Arbeitskräften und damit Arbeitslosigkeit entstehen.
Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt: Die Kurve enthält auch einen Gleichgewichtspreis, der einem erhöhten Lohn (Wr4)entspricht. Dieser kommt dadurch zustande, daß die Arbeitsbereitschaft, ab einer bestimmten Lohnhöhe, die hier knapp über M3 liegt, auch wieder abnehmen kann. Das Einkommen ist dann bereit so hoch, daß sich Mehrarbeit einfach nicht mehr lohnt.
Der gesetzliche Mindestlohn scheint mir also wohl doch eine ganz gute Idee zu sein, um prinzipielle strukturelle Nachteile der Arbeitnehmer am Arbeitsmarkt auszugleichen, insbesondere dann, wenn die Gewerkschaften schwach sind und keine annehmbaren Tarifverträge durchsetzen können.



Eine Alternative zum gesetzlichen Mindestlohn wäre ein Kombilohnmodell (http://www.cesifo-group.de/portal/page/portal/ifoContent/N/publ/Zeitschriften/zs-sd/zs-sd-abstracts-container/IFO_SCHNELLDIENST_2006/ifosd_02_2006_kombilohn.pdf) oder besser noch eine negative Einkommenssteuer (http://www.archiv-grundeinkommen.de/friedman/kap12.htm), wie sie Milton Friedman in seinem Buch „Kapitalismus und Freiheit“ vorgeschlagen hat.


Milton Friedman (Wikipedia)

Ein dadurch gesichertes Mindesteinkommen würde ebenfalls die Arbeitnehmer davor bewahren, ihre Arbeitskraft bei sinkenden Löhnen über jedes menschlich zumutbare Maß hinaus zu verausgaben. Auch die Sozialhilfe im Rahmen eines Sozialstaats hat die Wirkung eines Mindestlohns. Allerdings ist sie häufig an entwürdigende Auflagen gebunden. Der Betroffene wird etwa gezwungen praktisch jede Arbeit anzunehmen, sonst droht eine Kürzung oder der Sozialhilfe. Durch die fehlende Möglichkeit einen Arbeitsplatz auch einmal abzulehnen, wenn er unzumutbar erscheint, wird der Arbeitnehmer faktisch unfrei. Bei den in Deutschland im Rahmen der Hartz IV - Gesetze eingeführten 1-Euro-Jobs wird das besonders deutlich. Die Ähnlichkeit dieser "Arbeitsverhältnisse" beispielsweise zur Schuldsklaverei der Antike (http://de.wikipedia.org/wiki/Sklaverei)ist sicher nicht zufällig. Auch damals wurden ja nicht alle Sklaven unbedingt ganz schlecht behandelt, konnten aber trotzdem nicht über ihr Leben bestimmen, sie waren eben Unfreie. Inzwischen wird in Deutschland sogar schon über die Einführung von modernen "Sklavenmärkten" öffentlich nachgedacht (http://www.focus.de/jobs/meistbietend_nid_24938.html). Leider kein Scherz sondern traurige Realität.

Jens Christian Heuer


Quellen:
Wikipedia
(http://de.wikipedia.org/wiki/Mindestlohn), (http://de.wikipedia.org/wiki/Negative_Einkommensteuer)
Manager Magazin

(http://www.manager-magazin.de/geld/artikel/0,2828,352170,00.html)
Initiative Mindestlohn (http://www.mindestlohn.de/)
Mindestlohn Weblog (http://blog.mindestlohn.de/)
BWL-Bote (http://www.bwl-bote.de/20050410.htm)