Freitag, Februar 16, 2007

Freihandel-Komparative Vorteile

Ein Geschichte um einem verhinderten Krieg…
Es waren einmal zwei kleine Völker. Beide lebten für sich alleine, ohne groß voneinander Notiz zu nehmen. Die einen, nennen wir sie die Seefahrer, wohnten an der Küste, in der Nähe einer Flussmündung und waren mit dem Fischfang sehr vertraut. Die anderen waren sehr erfahrene Bauern und wohnten im Landesinneren. Sie lebten vom Getreideanbau und verstanden gutes Brot zu backen. Die Fischer konnten das auch und zwar mindestens genauso gut. Der Getreideanbau an der Küste war sogar ergiebiger als im Landesinneren, weil es an Wasser niemals mangelte. Die Bauern fingen ebenfalls Fische, es gab aber nur die Süßwasserfische in ihren Flüssen.


Mosaik mit Brot und Fischen in der byzantinischen
Brotvermehrungskirche in Tabgha am See Genezaret

Die Seefahrer fingen in einer Woche 6000 Fische und backten 3000 Brote. Die Bauern fingen nur 500 Fische, backten aber immerhin 2000 Brote. Da sehr viele Kinder geboren wurden, war das insgesamt zu wenig, um alle satt zu machen, so daß der Oberste Rat zusammentrat und nach einem Ausweg suchte. Einige junge Krieger schlugen vor, sich mit Waffen auszurüsten, die Seefahrer zu überfallen, und die fehlenden Lebensmittel zu stehlen. Der Reichtum der Seefahrer war geradezu legendär. Andere gaben zu bedenken, daß diese sehr gut bewaffnet seien und ein Feldzug viele Opfer fordern würde.
Der höchste Repräsentant der Bauern bat schließlich um Ruhe und sprach:
„ Ich habe eine viel bessere Idee, als in den Krieg zu ziehen. Laßt uns mit den Seefahrern reden und ihnen das folgende Angebot zu einen Handel miteinander machen: Wir die Bauern sind bereit auf den Fischfang ganz zu verzichten und nur noch Brot zu backen. Wir können dann in einer Woche 4000 Brote backen. Wenn ihr statt 3000 Brote nur 2000 backt, so könnt ihr in einer Woche 8000 Fische fangen. Darüber hinaus dürft Ihr auch in unseren Flüssen fischen. Das gibt mehr Abwechslung auf Eurer Speisekarte, denn in nseren Flüssen schwimmen Fische, die ihr noch nicht kennt.
Bei uns kosten 2000 Brote bisher 500 Fische, für einen Fisch müssen wir also auf 4 Brote verzichten. Wenn ihr uns für 1000 Brote 500 Fische gebt, sind wir sehr zufrieden, denn ein Fisch kostet uns dann nur noch 2 Brote und nicht mehr 4 wie zuvor. Und auch ihr Seefahrer habt einen Vorteil davon, obwohl Ihr besser fischen und Brotbacken könnt als wir. Rechnet einmal nach… Bei Euch kosten 3000 Brote 6000 Fische, für einen Fisch müsst Ihr also auf ein halbes Brot verzichten. Fische sind bei Euch also billiger. Bei dem Tausch, den ich Euch vorschlage bekommt ihr 1000 Brote für 500 Fische, also 2 Brote für einen Fisch und nicht nur ein halbes. Ein wahrlich gutes Geschäft auch für Euch! Wenn wir diesen Handel abschließen, dann habt Ihr hinterher 7500 Fische, statt 6000 und immer noch 3000 Brote wie zuvor. Wir hingegen können dann 500 Fische in einer Woche essen, ebenfalls wie zuvor, aber dafür haben wir 3000 anstatt 2000 Brote. Unseren beiden Völkern wäre also mit diesem Handel gedient. So werde ich zu den Seefahrern sprechen." Er wandte sich an die jungen Krieger und fuhr fort:" Wenn wir diesen Vorschlag an die Seefahrer unterbreiten, und diese werden sicher einwilligen, dann werden wir endlich satt, ohne das wir einen Krieg mit unzähligen Opfern führen müssen.“
Der Oberste Rat des Bauernvolkes willigte ein und schickte einen Boten mit dem Handelsangebot zu den Seefahrern. Diese liessen sich nicht lange bitten, denn sie erkannten sofort die Vorteile, die sie aus diesem Handel ziehen würden. So kam bald ein Handelsvertrag zustande und aus der neuen Verbindung des Seefahrer- und des Bauernvolkes wurde mit der Zeit eine Freundschaft. An Krieg dachte niemand mehr.

Das Ganze noch einmal in Kürze:

Vor dem Handel
Seefahrer 6000 Fische und 3000 Brote in einer Woche
1 Brot kostet 2 Fische, 1 Fisch kostet 1/2 Brot
Salzwasserfische und nur wenige Süßwasserfische aus der Flußmündung

Bauern 500 Fische und 2000 Brote in einer Woche
1 Brot kostet 1/4 Fisch, 1 Fisch kostet 4 Brote
nur Süßwasserfische

Die Bauern spezialisieren sich auf Brot, dass bei ihnen billiger ist und die Seefahrer auf den bei ihnen günstigeren Fisch .Der Handel: 2 Brote für 1 Fisch. Die Seefahrer verkaufen den Bauern 500 Fische für 1000 Brote (1 Fisch kostet 2 Brote und 1 Brot 1/2 Fisch), wobei sie ihre Brotproduktion auf 2000 Brote einschränken, dafür aber 8000 Fische fangen. Die Bauern verzichten gänzlich auf eigenen Fischfang, können so aber 400 Brote in der Woche backen. Hinterher sehen beide Handelspartner besser da:

Nach dem Handel
Seefahrer 7500 Fische und 3000 Brote in einer Woche
Gewinn 1500 Fische !

Bauern 500 Fische und 3000 Brote in einer Woche
Gewinn 1000 Brote !

Beide Völker haben jetzt Salzwasser und Süßwasserfische auf ihrem Speiseplan.


Diese kleine Geschichte will das Prinzip des Komparativen Vorteils veranschaulichen, das von dem Engländer David Ricardo entdeckt wurde, der neben Adam Smith zu den Begründern der
klassischen Nationalökonomie gezählt wird.


David Ricardo (1772-1823)

Handel auf der Basis der Freiwilligkeit bringt immer beiden Seiten Vorteile. Fremde werden so von gefährlichen Konkurrenten um Wohlstand zu Partnern, mit denen man gemeinsam mehr Wohlstand erreichen kann.

Jens Christian Heuer

Quellen:
David Ricardo
(http://de.wikipedia.org/wiki/David_Ricardo)
Brotvermehrungskirche in Tagba (http://www.tabgha.net/index.html)