Montag, Dezember 18, 2006

Die Evolution der Unsichtbaren Hand

Adam Smith (1723-1790), schottischer Moralphilosoph und Begründer der modernen Wirtschaftswissenschaften betrachtete den Menschen keineswegs, wie oft angenommen wird, als nur von rein egoistischen Antrieben geleiteten, kalt berechnenden „Homo oeconomicus“. Er betonte in seinen beiden Hauptwerken (Die Theorie der ethischen Gefühle und der Wohlstand der Nationen) immer die bei jedem Menschen vorhandene, so genannte „Sympathie“, also die Fähigkeit des Menschen sich in einen Mitmenschen hineinzuversetzen, also Mitgefühl zu entwickeln. Darin sah er die Grundlage für den Zusammenhalt menschlicher Gesellschaften, für den Austausch von arbeitsteilig hergestellten Dingen untereinander und damit für die Unsichtbare Hand des Marktes. Mit dieser Ansicht stand er im Gegensatz zu vielen anderen Philosophen der Aufklärung, die den Menschen als beinahe ausschließlich auf ihren eigenen Vorteil bedacht ansahen und einen starken Staat für nötig hielten, der der einen rücksichtlosen Kampf den Menschen untereinander verhindern sollte. Dieser Staat sollte allerdings durch gemeinsamen Beschluss in Form eines Gesellschaftsvertrages zustande kommen und nicht durch den Willen Gottes, wie es im Mittelalter gesehen wurde (vgl. „Die Entdeckung der Unsichtbaren Hand“ unten).
Wie richtig Adam Smith mit seinem eher positiven Menschenbild lag zeigt die moderne Verhaltensforschung. Es konnte immer wieder nachgewiesen werden, das bei sozial lebenden Tieren das Verhalten entscheidend durch das Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe bestimmt wird. In jüngster Zeit fand man bei einigen Tierarten sogar die Fähigkeit sich in den Artgenossen hineinzuversetzen, ja sogar ein Gefühl für Fairness und so etwas wie regelrechte Marktbeziehungen, die von Angebot und Nachfrage gesteuert werden.
Dazu ein paar Beispiele: Der Verhaltensforscher Frans de Waal, der an der Emory University in Atlanta (Georgia, USA) das Primatenforschungszentrum leitet, untersuchte kooperatives Verhalten bei Affen.


Frans de Waal (mitte rechts) und seine Mitarbeiter (Ermory University)

Bei einem der Experimente hatte man Kapuzineraffen beigebracht, ein Brett auf Rollen, das an einer Zugfeder befestigt war und auf dem ein Futternapf stand, mit Zugstangen zu sich hinzuziehen. Das Brett war so schwer, das die Affen zusammenarbeiten mussten, um Erfolg zu haben. Die Affen, jeweils immer zwei, saßen in voneinander getrennten Käfigen. Dabei kam es einmal zu einer Panne. Einer der Kapuzineraffen griff so schnell nach dem Futter, das er die Stange losließ, bevor der zweite Affe Gelegenheit hatte an sein Futter heranzukommen, denn der Futternapf auf dem Rollbrett wurde durch die Zugfeder zurückgezogen. Der leer ausgegangene Kapuzineraffe protestierte heftig. Daraufhin legte der erste Affe sein Futter beiseite und kam dem zweiten Affen zu Hilfe. Gemeinsam zogen sie das Rollbrett wieder heran, so dass auch der zweite Affe zu seinem Recht kam.

Kapuzineraffen (Ermory University)

Bei dieser Handlungsweise war offensichtlich so etwas wie Mitgefühl oder ein Gefühl für Fairness bei dem ersten Affen im Spiel, als dieser auf den Unmut des bei der Zusammenarbeit zu kurz gekommenen zweiten Affen reagierte, und dabei half an das Futter zu kommen, obwohl er sein eigenes Futter schon längst sicher hatte und von daher zu mindestens im Augenblick nicht mehr auf seinen Partner angewiesen war. Tiere und Menschen helfen einander gelegentlich, ohne dass der Helfer davon einen unmittelbaren Nutzen hat. Die Verhaltensforschung versucht nun zu erklären, wie sich ein derartiges Verhalten in der Evolution durchsetzen konnte. Sind Helfer und Geholfener miteinander verwandt, so ist es relativ einfach. Wer einem Familienmitglied hilft und so dessen Überlebenschancen erhöht, begünstigt auch die Verbreitung seiner eigenen Gene, denn Familienmitglieder haben immer einen großen Teil ihrer Gene gemeinsam. Dadurch werden auch die Gene, die die gegenseitige Hilfe zwischen Familienmitgliedern begünstigen, immer mehr verbreitet. Dieser Vorgang wird Verwandtenselektion genannt. Warum gibt es dann aber auch Hilfeleistung gegenüber nichtverwandten Artgenossen? Schon der russische Anarchist Pjotr Kropotkin (1842-1921) fand eine auch noch heute anerkannte Erklärung. Kropotkin erkannte beim Menschen, aber auch bei vielen Tieren einen Hang zur Hilfe auf Gegenseitigkeit, der die Überlebenschancen für jeden Einzelnen erhöht, wenn sich alle daran halten. Die moderne Verhaltensforschung spricht hier von reziprokem Altruismus; das bedeutet uneigennützige Hilfe auf Gegenseitigkeit. Wer sich nicht an das Prinzip der Gegenseitigkeit hält, sich also nicht für erhaltene Hilfeleistungen später revanchiert, muss dann in Zukunft von weiteren Hilfeleistungen unbedingt ausgeschlossen werden, damit das Ganze auch funktioniert. Dieses symmetrische Prinzip der gegenseitigen Hilfe wurde bei vielen Affenarten, bei Delfinen und sogar bei Fischen beobachtet. Schimpansen, zum Beispiel, machen in freier Wildbahn gemeinsam Jagd auf kleinere Affen. Die Beute wird von demjenigen, der sie dann schließlich fängt, unter den an der Jagd Beteiligten gerecht verteilt. Wer nicht mitgemacht hat, auch wenn es der Chef der Schimpansengruppe ist, bekommt nichts ab. Frans de Waal untersuchte diese Bereitschaft zum Teilen auch in seinem Primatenforschungszentrum. Dafür wurde einem der dort gehaltenen Schimpansen z.B. eine schmackhafte Wassermelone übergeben. Der Besitzer war bald von zahlreichen Schimpansen umgeben, denen er etwas abgab. Diejenigen die besonders viel abbekommen hatten, verteilten die Nahrung weiter. Dabei wurde das jeweilige Eigentum fast immer respektiert; aggressive Auseinandersetzungen um Nahrung kamen praktisch nie vor. Der Besitzer bestimmte immer allein über die Verteilung der Nahrung, unabhängig von seinem sozialen Rang.
Die Chancen etwas abzubekommen, so wurde beobachtet, waren für die Schimpansen am größten, die dem Nahrungsbesitzer vorher ausgiebig das Fell gepflegt hatten. Der Tausch Fellpflege (grooming) gegen Nahrung erwies sich immer als partnerspezifisch. Es gibt also bei Schimpansen so etwas wie „Dankbarkeit“. Interessant dabei ist, dass der enge Zusammenhang zwischen einzelner Leistung und darauf folgender Gegenleistung vor allem bei weniger engen Beziehungen zwischen den Schimpansen eine Rolle spielt. Bei echten Freundschaften wird dagegen nicht so sehr auf eine ausgeglichene Bilanz von Geben und nehmen geachtet.



Schimpanse (Wikipedia)

Ähnliche Unterschiede sind ja auch bei den Menschen bekannt die Regel.
Es wurden inzwischen aber sogar richtig funktionierende Märkte in der Tierwelt gefunden…


Der Babymarkt bei Pavianen in Südafrika:
Weibliche Paviane fühlen sich unwiderstehlich nicht nur zu ihren eigenen Jungen, sondern auch zu denen anderer Weibchen hingezogen, natürlich ganz besonders stark, wenn sie noch keine eigenen Nachkommen haben. Sie begrüßen die fremden Jungen liebevoll und versuchen sie zu berühren. Das lassen deren Mütter normalerweise nicht zu, es sei denn, sie erhalten vorher von den interessierten Pavianweibchen eine ausgiebige Fellpflege. Durch diese Dienstleistung wird Zeit mit dem fremden Pavianbaby gekauft. Der Preis dieser Dienstleistung ist dabei direkt vom Angebot an Babys abhängig. In Paviangruppen mit nur wenigen Jungen erzielen die Mütter einen höheren Preis, also eine längere Fellpflege, als in Gruppen mit zahlreichen Pavianbabys.



Pavianmutter mit Kind

Die Putzstationen des Putzerlippfisches:
Putzerlippfische leben auf Riffen im Indischen Ozean und im südostasiatischen Pazifik. Sie sind ortsfest und unterhalten Putzerstationen, wo ein Männchen mit einem Harem von drei bis sechs Weibchen lebt, und zu denen andere Fische kommen, um sich von Parasiten und abgestorbener Haut säubern zu lassen. Die Zeichnung der Putzerfische mit dem auffallenden Längsstreifen ist für andere Fische ein Erkennungsmerkmal. Selbst Raubfische verhalten sich an den Putzerstationen völlig friedlich, warten, bis sie an der Reihe sind und lassen die Lippfische auch ins Maul und in die Kiemenhöhle schwimmen um sie dort zu säubern. Durch leichte Bewegungen signalisieren die „Kunden“, wenn sie nicht mehr möchten und die Putzer die Körperhöhlen verlassen müssen. Die Putzerfische werden satt und ihre Kunden parasitenfrei, ein Handel der für beide Seiten nur Vorteile bringt.


Zwei Putzerlippfische mit ihrem Kunden

Es gibt „Stammkunden“ und „Laufkundschaft“. Die Stammkunden sind ortsfest in der Nähe der Putzerstation lebende Fische mit kleinen Revieren. Die Laufkundschaft besteht aus Fischen, die entweder größere Reviere haben oder ausgedehnte Wanderungen unternehmen. Die Laufkundschaft wird von den Putzerlippfischen bevorzugt bedient, da diese bei zu langen Wartezeiten zu anderen Putzerstationen ausweichen können. Für die Stammkundschaft besteht diese Möglichkeit aber nicht und sie müssen daher geduldig warten.

Der Arbeitslohn bei Kapuzineraffen:
Kapuzineraffen jagen gemeinsam Eichhörnchen. Der gesamte Ertrag der Jagd landet bei demjenigen , der die Beute am Ende erwischt. Dieser „entlohnt“ anschließend die anderen Affen, die ansonsten in Zukunft wenig Neigung hätten, ihm noch einmal bei der Jagd zu unterstützen. Die Beute wird also immer gerecht verteilt. Diese Beobachtung wurde von Frans de Waal auch experimentell überprüft. Dabei kam wieder die schon beschriebene Versuchseinrichtung mit zwei Kapuzineraffen und dem Rollbrett zum Einsatz. Diesmal war aber nur ein Futternapf z.B. mit Apfelstücken gefüllt, während der andere Futternapf leer war. Wiederum konnte das Rollbrett nur gemeinsam herangezogen werden. Beide Affen konnten den jeweils anderen Futternapf gut einsehen. Die Zusammenarbeit der beiden Kapuzineraffen klappte prima und derjenige mit dem vollen Futternapf war klug genug, seinen Unterstützer großzügig zu entlohnen.

Gurken oder Weintrauben gegen Kieselsteine:
Ein Kollegin von Frans de Waal brachte Kapuzineraffen das Tauschen bei. Diese begriffen schnell, dass sie Kieselsteine, mit denen sie normalerweise gerne spielten, mit der Forscherin gegen leckere Gurkenstückchen austauschen konnten .Dann gab die Forscherin aber einzelnen Kapuzineraffen im Austausch die viel begehrteren Weintrauben, während die übrigen Affen weiterhin Gurkenstücke erhielten. Die Gurkenempfänger fühlten sich schlecht behandelt, wurden wütend und verweigerten jegliche weiteren Tauschgeschäfte. Sie schmissen sogar die bereits erhaltenen Gurkenstücke und auch ihre Kieselsteine weg und protestierten damit gegen die ungerechte „Bezahlung“. Dieses Verhalten erscheint auf den ersten Blick unvorteilhaft, denn immerhin ist ein Gurkenstück eindeutig besser als nichts. Langfristig sieht das Ganze aber schon ganz anders aus. Die Zurückweisung eines ungerechten Handels bewahrt davor, in Zukunft weiter ausgenutzt zu werden und das wiederum ist entscheidend für eine gute und langfristige „Geschäftsbeziehung“. Das Experiment wurde mit Schimpansen wiederholt und brachte die gleichen Ergebnisse. Waren die beteiligten Schimpansen allerdings länger befreundet, so nahmen sie die Ungleichbehandlung relativ gelassen hin. Sie bewerten Ihre Beziehungen offenbar über eine längere Zeitspanne und betrachten die bewährte Freundschaft als eine gute Garantie gegen Übervorteilung und Ausbeutung. Die Unsichtbare Hand wirkt also schon während der biologischen Evolution; vor allem bei Tieren mit höherer Intelligenz löst sie das Prinzip des Rechts des Stärkeren zunehmend ab.

Jens Christian Heuer
Quellen:
Frans de Waal Homepage
http://www.emory.edu/LIVING_LINKS/de_Waal.html


Kommentare:

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