Samstag, Dezember 30, 2006

Ariane und die Österreichische Schule

Meine kleine, fast drei Jahre alte Tochter Ariane liebt Gummibärchen. Immer dann, wenn wir, das sind meine Frau Hedda, Ariane und ich, das Engel Café Ringstedt in der Samtgemeinde Bad Bederkesa besuchen, bekommt sie, die kleine Ariane, von der Eigentümerin, der großen Ariane, eine Tüte davon geschenkt.
Das Engel Café Ringstedt, die Gummibärchen und die kleine Ariane

Wenn Hedda oder ich unserer Tochter vorschlagen, die Gummibärchen doch für später aufzuheben, so stoßen wir damit auf wenig Gegenliebe. Unsere Tochter will die Gummibärchen sofort und nicht erst später. Mit anderen Worten, sie hat eine hohe Zeitpräferenz. Der Genuss der Gummibärchen in der Gegenwart ist für sie wertvoller, als deren Genuss in der Zukunft. Am letzten Dienstag, dem zweiten Weihnachtstag, als wir wieder einmal das Engel Café besuchten, lief aber alles ganz anders. Zunächst bekam, wie üblich, die kleine Ariane von der großen Ariane, die Gummibärchen, diesmal aber zwei Tüten, geschenkt. Nachdem unsere Tochter die Gummibärchen bis auf drei aufgegessen hatte, meinte sie, sie wolle diese für den nächsten Tag aufheben. Was war geschehen? Unsere kleine Ariane hatte diesmal besonders viele Gummibärchen gegessen. Mit jedem Gummibärchen, das in ihrem Magen gelangte, nahm für sie der Wert des nächstfolgenden Gummibärchens weiter ab. Deren subjektiver Grenzwert (Grenznutzen) ging gegen Null. Schließlich war für unsere Ariane der Grenzwert der Gummibärchen so gering geworden, dass er den Wert der Gummibärchen in der Zukunft unterschritt. Die Zeitpräferenz der kleinen Ariane war nun nur noch niedrig. Es war, aus ihrer Sicht, deshalb nur vernünftig, den Genuss weiterer Gummibärchen bis zum nächsten Tag aufzuschieben.
Vielleicht kommt Ihnen diese kleine Geschichte zu einfach und nicht besonders interessant vor? Warum dann aber die aufwendige Darstellung mit Zeitpräferenz und Grenzwert? Die Antwort ist: Die Geschichte verdeutlicht einige wichtige Grundgedanken der von Carl Menger am Ende des neunzehnten Jahrhunderts begründeten Österreichischen Schule der Volkswirtschaftslehre.

Carl Menger (1840-1921)
Sie vertritt eine subjektive Wertlehre, d.h. der Wert einer Ware beruht auf den persönlichen Wertschätzungen der Konsumenten und Produzenten und nicht auf irgendwelchen objektiv messbaren Arbeitswerten. Der Wert einer Ware für den Konsumenten sinkt, je mehr er davon zur Verfügung hat (abnehmender Grenzwert bzw. Grenznutzen). Er ist dann nur noch bereit, einen entsprechend niedrigeren Preis zu zahlen. Die Zeitpräferenz ist die Begründung für die Berechtigung eines Zinses, der als Entschädigung für die aufgeschobene persönliche Nutzung des verliehenen Geldes bezahlt wird. Hohe Zeitpräferenzen bedeuten also auch hohe Zinsen und umgekehrt.
Übrigens, am Ende hat die kleine Ariane doch noch alle Gummibärchen aufgegessen. Die wirtschaftliche Vernunft siegt eben nicht immer. Das sie aber in den Überlegungen eines kleinen Kindes schon sichtbar wird, ist doch schon allein bemerkenswert, oder?


Jens Christian Heuer


Quellen und Links:

Österreichische Schule

Engel Café Ringstedt

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