Samstag, Dezember 30, 2006

Ariane und die Österreichische Schule

Meine kleine, fast drei Jahre alte Tochter Ariane liebt Gummibärchen. Immer dann, wenn wir, das sind meine Frau Hedda, Ariane und ich, das Engel Café Ringstedt in der Samtgemeinde Bad Bederkesa besuchen, bekommt sie, die kleine Ariane, von der Eigentümerin, der großen Ariane, eine Tüte davon geschenkt.
Das Engel Café Ringstedt, die Gummibärchen und die kleine Ariane

Wenn Hedda oder ich unserer Tochter vorschlagen, die Gummibärchen doch für später aufzuheben, so stoßen wir damit auf wenig Gegenliebe. Unsere Tochter will die Gummibärchen sofort und nicht erst später. Mit anderen Worten, sie hat eine hohe Zeitpräferenz. Der Genuss der Gummibärchen in der Gegenwart ist für sie wertvoller, als deren Genuss in der Zukunft. Am letzten Dienstag, dem zweiten Weihnachtstag, als wir wieder einmal das Engel Café besuchten, lief aber alles ganz anders. Zunächst bekam, wie üblich, die kleine Ariane von der großen Ariane, die Gummibärchen, diesmal aber zwei Tüten, geschenkt. Nachdem unsere Tochter die Gummibärchen bis auf drei aufgegessen hatte, meinte sie, sie wolle diese für den nächsten Tag aufheben. Was war geschehen? Unsere kleine Ariane hatte diesmal besonders viele Gummibärchen gegessen. Mit jedem Gummibärchen, das in ihrem Magen gelangte, nahm für sie der Wert des nächstfolgenden Gummibärchens weiter ab. Deren subjektiver Grenzwert (Grenznutzen) ging gegen Null. Schließlich war für unsere Ariane der Grenzwert der Gummibärchen so gering geworden, dass er den Wert der Gummibärchen in der Zukunft unterschritt. Die Zeitpräferenz der kleinen Ariane war nun nur noch niedrig. Es war, aus ihrer Sicht, deshalb nur vernünftig, den Genuss weiterer Gummibärchen bis zum nächsten Tag aufzuschieben.
Vielleicht kommt Ihnen diese kleine Geschichte zu einfach und nicht besonders interessant vor? Warum dann aber die aufwendige Darstellung mit Zeitpräferenz und Grenzwert? Die Antwort ist: Die Geschichte verdeutlicht einige wichtige Grundgedanken der von Carl Menger am Ende des neunzehnten Jahrhunderts begründeten Österreichischen Schule der Volkswirtschaftslehre.

Carl Menger (1840-1921)
Sie vertritt eine subjektive Wertlehre, d.h. der Wert einer Ware beruht auf den persönlichen Wertschätzungen der Konsumenten und Produzenten und nicht auf irgendwelchen objektiv messbaren Arbeitswerten. Der Wert einer Ware für den Konsumenten sinkt, je mehr er davon zur Verfügung hat (abnehmender Grenzwert bzw. Grenznutzen). Er ist dann nur noch bereit, einen entsprechend niedrigeren Preis zu zahlen. Die Zeitpräferenz ist die Begründung für die Berechtigung eines Zinses, der als Entschädigung für die aufgeschobene persönliche Nutzung des verliehenen Geldes bezahlt wird. Hohe Zeitpräferenzen bedeuten also auch hohe Zinsen und umgekehrt.
Übrigens, am Ende hat die kleine Ariane doch noch alle Gummibärchen aufgegessen. Die wirtschaftliche Vernunft siegt eben nicht immer. Das sie aber in den Überlegungen eines kleinen Kindes schon sichtbar wird, ist doch schon allein bemerkenswert, oder?


Jens Christian Heuer


Quellen und Links:

Österreichische Schule

Engel Café Ringstedt

Samstag, Dezember 23, 2006

Weihnachtsgruß


Heute, seit 18:00 Uhr, geniesst auch
die Unsichtbare Hand (ganz überwiegend)
ihre wohlverdiente Ruhepause...

Allen Leserinnen und Lesern
wünsche ich ein frohes Weihnachtsfest !
Jens Christian Heuer

Montag, Dezember 18, 2006

Die Evolution der Unsichtbaren Hand

Adam Smith (1723-1790), schottischer Moralphilosoph und Begründer der modernen Wirtschaftswissenschaften betrachtete den Menschen keineswegs, wie oft angenommen wird, als nur von rein egoistischen Antrieben geleiteten, kalt berechnenden „Homo oeconomicus“. Er betonte in seinen beiden Hauptwerken (Die Theorie der ethischen Gefühle und der Wohlstand der Nationen) immer die bei jedem Menschen vorhandene, so genannte „Sympathie“, also die Fähigkeit des Menschen sich in einen Mitmenschen hineinzuversetzen, also Mitgefühl zu entwickeln. Darin sah er die Grundlage für den Zusammenhalt menschlicher Gesellschaften, für den Austausch von arbeitsteilig hergestellten Dingen untereinander und damit für die Unsichtbare Hand des Marktes. Mit dieser Ansicht stand er im Gegensatz zu vielen anderen Philosophen der Aufklärung, die den Menschen als beinahe ausschließlich auf ihren eigenen Vorteil bedacht ansahen und einen starken Staat für nötig hielten, der der einen rücksichtlosen Kampf den Menschen untereinander verhindern sollte. Dieser Staat sollte allerdings durch gemeinsamen Beschluss in Form eines Gesellschaftsvertrages zustande kommen und nicht durch den Willen Gottes, wie es im Mittelalter gesehen wurde (vgl. „Die Entdeckung der Unsichtbaren Hand“ unten).
Wie richtig Adam Smith mit seinem eher positiven Menschenbild lag zeigt die moderne Verhaltensforschung. Es konnte immer wieder nachgewiesen werden, das bei sozial lebenden Tieren das Verhalten entscheidend durch das Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe bestimmt wird. In jüngster Zeit fand man bei einigen Tierarten sogar die Fähigkeit sich in den Artgenossen hineinzuversetzen, ja sogar ein Gefühl für Fairness und so etwas wie regelrechte Marktbeziehungen, die von Angebot und Nachfrage gesteuert werden.
Dazu ein paar Beispiele: Der Verhaltensforscher Frans de Waal, der an der Emory University in Atlanta (Georgia, USA) das Primatenforschungszentrum leitet, untersuchte kooperatives Verhalten bei Affen.


Frans de Waal (mitte rechts) und seine Mitarbeiter (Ermory University)

Bei einem der Experimente hatte man Kapuzineraffen beigebracht, ein Brett auf Rollen, das an einer Zugfeder befestigt war und auf dem ein Futternapf stand, mit Zugstangen zu sich hinzuziehen. Das Brett war so schwer, das die Affen zusammenarbeiten mussten, um Erfolg zu haben. Die Affen, jeweils immer zwei, saßen in voneinander getrennten Käfigen. Dabei kam es einmal zu einer Panne. Einer der Kapuzineraffen griff so schnell nach dem Futter, das er die Stange losließ, bevor der zweite Affe Gelegenheit hatte an sein Futter heranzukommen, denn der Futternapf auf dem Rollbrett wurde durch die Zugfeder zurückgezogen. Der leer ausgegangene Kapuzineraffe protestierte heftig. Daraufhin legte der erste Affe sein Futter beiseite und kam dem zweiten Affen zu Hilfe. Gemeinsam zogen sie das Rollbrett wieder heran, so dass auch der zweite Affe zu seinem Recht kam.

Kapuzineraffen (Ermory University)

Bei dieser Handlungsweise war offensichtlich so etwas wie Mitgefühl oder ein Gefühl für Fairness bei dem ersten Affen im Spiel, als dieser auf den Unmut des bei der Zusammenarbeit zu kurz gekommenen zweiten Affen reagierte, und dabei half an das Futter zu kommen, obwohl er sein eigenes Futter schon längst sicher hatte und von daher zu mindestens im Augenblick nicht mehr auf seinen Partner angewiesen war. Tiere und Menschen helfen einander gelegentlich, ohne dass der Helfer davon einen unmittelbaren Nutzen hat. Die Verhaltensforschung versucht nun zu erklären, wie sich ein derartiges Verhalten in der Evolution durchsetzen konnte. Sind Helfer und Geholfener miteinander verwandt, so ist es relativ einfach. Wer einem Familienmitglied hilft und so dessen Überlebenschancen erhöht, begünstigt auch die Verbreitung seiner eigenen Gene, denn Familienmitglieder haben immer einen großen Teil ihrer Gene gemeinsam. Dadurch werden auch die Gene, die die gegenseitige Hilfe zwischen Familienmitgliedern begünstigen, immer mehr verbreitet. Dieser Vorgang wird Verwandtenselektion genannt. Warum gibt es dann aber auch Hilfeleistung gegenüber nichtverwandten Artgenossen? Schon der russische Anarchist Pjotr Kropotkin (1842-1921) fand eine auch noch heute anerkannte Erklärung. Kropotkin erkannte beim Menschen, aber auch bei vielen Tieren einen Hang zur Hilfe auf Gegenseitigkeit, der die Überlebenschancen für jeden Einzelnen erhöht, wenn sich alle daran halten. Die moderne Verhaltensforschung spricht hier von reziprokem Altruismus; das bedeutet uneigennützige Hilfe auf Gegenseitigkeit. Wer sich nicht an das Prinzip der Gegenseitigkeit hält, sich also nicht für erhaltene Hilfeleistungen später revanchiert, muss dann in Zukunft von weiteren Hilfeleistungen unbedingt ausgeschlossen werden, damit das Ganze auch funktioniert. Dieses symmetrische Prinzip der gegenseitigen Hilfe wurde bei vielen Affenarten, bei Delfinen und sogar bei Fischen beobachtet. Schimpansen, zum Beispiel, machen in freier Wildbahn gemeinsam Jagd auf kleinere Affen. Die Beute wird von demjenigen, der sie dann schließlich fängt, unter den an der Jagd Beteiligten gerecht verteilt. Wer nicht mitgemacht hat, auch wenn es der Chef der Schimpansengruppe ist, bekommt nichts ab. Frans de Waal untersuchte diese Bereitschaft zum Teilen auch in seinem Primatenforschungszentrum. Dafür wurde einem der dort gehaltenen Schimpansen z.B. eine schmackhafte Wassermelone übergeben. Der Besitzer war bald von zahlreichen Schimpansen umgeben, denen er etwas abgab. Diejenigen die besonders viel abbekommen hatten, verteilten die Nahrung weiter. Dabei wurde das jeweilige Eigentum fast immer respektiert; aggressive Auseinandersetzungen um Nahrung kamen praktisch nie vor. Der Besitzer bestimmte immer allein über die Verteilung der Nahrung, unabhängig von seinem sozialen Rang.
Die Chancen etwas abzubekommen, so wurde beobachtet, waren für die Schimpansen am größten, die dem Nahrungsbesitzer vorher ausgiebig das Fell gepflegt hatten. Der Tausch Fellpflege (grooming) gegen Nahrung erwies sich immer als partnerspezifisch. Es gibt also bei Schimpansen so etwas wie „Dankbarkeit“. Interessant dabei ist, dass der enge Zusammenhang zwischen einzelner Leistung und darauf folgender Gegenleistung vor allem bei weniger engen Beziehungen zwischen den Schimpansen eine Rolle spielt. Bei echten Freundschaften wird dagegen nicht so sehr auf eine ausgeglichene Bilanz von Geben und nehmen geachtet.



Schimpanse (Wikipedia)

Ähnliche Unterschiede sind ja auch bei den Menschen bekannt die Regel.
Es wurden inzwischen aber sogar richtig funktionierende Märkte in der Tierwelt gefunden…


Der Babymarkt bei Pavianen in Südafrika:
Weibliche Paviane fühlen sich unwiderstehlich nicht nur zu ihren eigenen Jungen, sondern auch zu denen anderer Weibchen hingezogen, natürlich ganz besonders stark, wenn sie noch keine eigenen Nachkommen haben. Sie begrüßen die fremden Jungen liebevoll und versuchen sie zu berühren. Das lassen deren Mütter normalerweise nicht zu, es sei denn, sie erhalten vorher von den interessierten Pavianweibchen eine ausgiebige Fellpflege. Durch diese Dienstleistung wird Zeit mit dem fremden Pavianbaby gekauft. Der Preis dieser Dienstleistung ist dabei direkt vom Angebot an Babys abhängig. In Paviangruppen mit nur wenigen Jungen erzielen die Mütter einen höheren Preis, also eine längere Fellpflege, als in Gruppen mit zahlreichen Pavianbabys.



Pavianmutter mit Kind

Die Putzstationen des Putzerlippfisches:
Putzerlippfische leben auf Riffen im Indischen Ozean und im südostasiatischen Pazifik. Sie sind ortsfest und unterhalten Putzerstationen, wo ein Männchen mit einem Harem von drei bis sechs Weibchen lebt, und zu denen andere Fische kommen, um sich von Parasiten und abgestorbener Haut säubern zu lassen. Die Zeichnung der Putzerfische mit dem auffallenden Längsstreifen ist für andere Fische ein Erkennungsmerkmal. Selbst Raubfische verhalten sich an den Putzerstationen völlig friedlich, warten, bis sie an der Reihe sind und lassen die Lippfische auch ins Maul und in die Kiemenhöhle schwimmen um sie dort zu säubern. Durch leichte Bewegungen signalisieren die „Kunden“, wenn sie nicht mehr möchten und die Putzer die Körperhöhlen verlassen müssen. Die Putzerfische werden satt und ihre Kunden parasitenfrei, ein Handel der für beide Seiten nur Vorteile bringt.


Zwei Putzerlippfische mit ihrem Kunden

Es gibt „Stammkunden“ und „Laufkundschaft“. Die Stammkunden sind ortsfest in der Nähe der Putzerstation lebende Fische mit kleinen Revieren. Die Laufkundschaft besteht aus Fischen, die entweder größere Reviere haben oder ausgedehnte Wanderungen unternehmen. Die Laufkundschaft wird von den Putzerlippfischen bevorzugt bedient, da diese bei zu langen Wartezeiten zu anderen Putzerstationen ausweichen können. Für die Stammkundschaft besteht diese Möglichkeit aber nicht und sie müssen daher geduldig warten.

Der Arbeitslohn bei Kapuzineraffen:
Kapuzineraffen jagen gemeinsam Eichhörnchen. Der gesamte Ertrag der Jagd landet bei demjenigen , der die Beute am Ende erwischt. Dieser „entlohnt“ anschließend die anderen Affen, die ansonsten in Zukunft wenig Neigung hätten, ihm noch einmal bei der Jagd zu unterstützen. Die Beute wird also immer gerecht verteilt. Diese Beobachtung wurde von Frans de Waal auch experimentell überprüft. Dabei kam wieder die schon beschriebene Versuchseinrichtung mit zwei Kapuzineraffen und dem Rollbrett zum Einsatz. Diesmal war aber nur ein Futternapf z.B. mit Apfelstücken gefüllt, während der andere Futternapf leer war. Wiederum konnte das Rollbrett nur gemeinsam herangezogen werden. Beide Affen konnten den jeweils anderen Futternapf gut einsehen. Die Zusammenarbeit der beiden Kapuzineraffen klappte prima und derjenige mit dem vollen Futternapf war klug genug, seinen Unterstützer großzügig zu entlohnen.

Gurken oder Weintrauben gegen Kieselsteine:
Ein Kollegin von Frans de Waal brachte Kapuzineraffen das Tauschen bei. Diese begriffen schnell, dass sie Kieselsteine, mit denen sie normalerweise gerne spielten, mit der Forscherin gegen leckere Gurkenstückchen austauschen konnten .Dann gab die Forscherin aber einzelnen Kapuzineraffen im Austausch die viel begehrteren Weintrauben, während die übrigen Affen weiterhin Gurkenstücke erhielten. Die Gurkenempfänger fühlten sich schlecht behandelt, wurden wütend und verweigerten jegliche weiteren Tauschgeschäfte. Sie schmissen sogar die bereits erhaltenen Gurkenstücke und auch ihre Kieselsteine weg und protestierten damit gegen die ungerechte „Bezahlung“. Dieses Verhalten erscheint auf den ersten Blick unvorteilhaft, denn immerhin ist ein Gurkenstück eindeutig besser als nichts. Langfristig sieht das Ganze aber schon ganz anders aus. Die Zurückweisung eines ungerechten Handels bewahrt davor, in Zukunft weiter ausgenutzt zu werden und das wiederum ist entscheidend für eine gute und langfristige „Geschäftsbeziehung“. Das Experiment wurde mit Schimpansen wiederholt und brachte die gleichen Ergebnisse. Waren die beteiligten Schimpansen allerdings länger befreundet, so nahmen sie die Ungleichbehandlung relativ gelassen hin. Sie bewerten Ihre Beziehungen offenbar über eine längere Zeitspanne und betrachten die bewährte Freundschaft als eine gute Garantie gegen Übervorteilung und Ausbeutung. Die Unsichtbare Hand wirkt also schon während der biologischen Evolution; vor allem bei Tieren mit höherer Intelligenz löst sie das Prinzip des Rechts des Stärkeren zunehmend ab.

Jens Christian Heuer
Quellen:
Frans de Waal Homepage
http://www.emory.edu/LIVING_LINKS/de_Waal.html


Sonntag, Dezember 10, 2006

Die Entdeckung der Unsichtbaren Hand

Im 18. Jahrhundert beschäftigte sich der schottische Moralphilosoph Adam Smith (1723-1790), wie viele seiner Kollegen mit der Frage, wie eine Gesellschaft freier Menschen funktionieren könne. Dieses war eine zentrale Frage der Philosophie der Aufklärung, die ja den freien Menschen anstrebte. Der frühe englische Aufklärungsphilosoph Thomas Hobbes (1588-1679) war von einem Urzustand des Kampfes jeder gegen jeden ausgegangen, der durch einen Gesellschaftsvertrag beendet werden sollte. In diesem Gesellschaftsvertrag übertrugen alle beteiligten Menschen ihr Selbstbestimmungs- und Selbstverteidigungsrecht und damit all ihre Macht auf eine zentrale Institution, den Staat, der fortan für den Schutz voreinander sorgen sollte (Gewaltmonopol des Staates). Dazu sollte der Staat umfangreiche Eingriffsmöglichkeiten in die Persönlichkeitsrechte der Vertragspartner haben. Demgegenüber betonte der schottische Philosoph John Locke (1632-1704), die jedem Menschen mit der Geburt zustehenden persönlichen Freiheitsrechte, die nur ihre Grenze bei den Rechten des Anderen finden sollten. Er befürwortete, ebenso wie Hobbes, die Idee eines Gesellschaftsvertrages, sprach sich aber ausdrücklich für ein Widerstandsrecht des Einzelnen gegen einen ungerechten Staat bzw. dessen Regierung aus. Die Ideen John Lockes beeinflußten die amerikanische Unabhängigkeitserklärung (1776) und auch die französische Revolution (1789).
Adam Smith stand in der Tradition dieser und anderer Philosophen der Aufklärung, fügte aber noch einige entscheidende Gedanken hinzu.


Adam Smith (1723-1790)

In seiner "Theorie der ethischen Gefühle" (1759) grenzte sich Adam Smith von einem extrem egoistischen Menschenbild deutlich ab. Die Menschen waren danach nicht nur von egoistischen Antrieben bestimmt, sondern ebenso von der "Sympathie " füreinander. Da sich der Mensch grundsätzlich in seinen Mitmenschen hineinversetzen könne, sei er auch in der Lage, an deren Schicksal Anteil zu nehmen, also mitzufühlen. Diese Fähigkeit der "Sympathie" sorge in erster Linie für den Zusammenhalt einer Gesellschaft und eben nicht nur das Gewaltmonopol eines Staates. Außerdem habe der Mensch durch die "Sympathie" die Möglichkeit zur Selbstkritik, indem er sein eigenes Verhalten aus der Sicht seiner Mitmenschen betrachte. Einen so gebändigten Eigennutz, hielt Smith als Antriebskraft des Menschen für unverzichtbar, und da kommt erstmals die Unsichtbare Hand ins Spiel! Indem jeder Einzelne, unabhängig voneinander, seinem Selbstinteresse folgt, wirken die sich daraus ergebenden Handlungen in ihrer Gesamtheit, wie von einer Unsichtbaren Hand geführt, zugunsten des allgemeinen Wohls. Dieser Gedanke ist wirklich revolutionär. Die Gesellschaft wird nicht von oben durch einen Staat gelenkt, sondern die freie Gesellschaft lenkt sich selbst! Adam Smith hatte als Erster das Prinzip der Selbstorganisation gefunden.
In seinem bekanntesten Werk, dem sich mit der Wirtschaft befassenden " Wohlstand der Nationen", zeigt Adam Smith, wie die Unsichtbare Hand im wirklichen Leben funktioniert:
Jeder Mensch hat die Neigung, Dinge mit anderen Menschen zu tauschen. Dies kann dann stattfinden, wenn beide Seiten einen Vorteil darin sehen. Ein Tausch ist also immer freiwillig!
Der Tausch ist Ausdruck der "Sympathie". Der Tausch ermöglicht es den Menschen, die zu ihrer Existenzsicherung notwendigen Tätigkeiten untereinander sinnvoll nach jeweiligen Talenten oder erlernten Fähigkeiten aufzuteilen und die Ergebnisse dieser Tätigkeiten dann hinterher untereinander auszutauschen. Der Tausch ist also die Grundlage einer Arbeitsteilung, die zu wesentlich besseren Ergebnissen führt, als wenn jeder Einzelne oder jede einzelne Gruppe alle zur Selbsterhaltung notwendigen Tätigkeiten selbst durchführen. Wenn man einen Tauschpartner finden will, muss man sich jeweils in seine Mitmenschen hineinversetzen, um zu erraten, was diese benötigen. Der "Ort" des Tausches ist der Markt, wo Anbieter und Nachfrager sich begegnen. Jeder Marktteilnehmer nimmt abwechselnd die Rolle des Anbieters und die des Nachfragers ein. Die Tätigkeiten, die auf einem Markt getauscht werden, das sind die Waren. Ein Austausch kommt nur zustande, wenn die jeweils gewünschte Ware dem Tauschenden mehr als die dafür herzugebene Ware wert ist. Adam Smith nannte diesen Wert den Gebrauchswert. Neben dem Gebrauchswert hat jede Ware aber auch noch einen Tauschwert. Dieser ergibt sich für den einzelnen Marktteilnehmer zunächst aus dem persönlichen Arbeitsaufwand, der für die herzugebende Ware notwendig ist und der einem die gewünschte Ware wert ist. Da alle Marktteilnehmer so handeln, tauschen sie die Waren im Durchschnitt zu ihren Arbeitswerten. Je mehr "durchschnittliche Arbeit" also in einer Ware steckt, um so wertvoller ist diese Ware. Der Arbeitswert einer Ware hängt natürlich nicht nur von der Arbeitszeit zu ihrer Herstellung ab, sondern auch von der Schwere der dafür eingesetzten Arbeit und der für die Arbeit notwendigen Ausbildung. Der sich so auf dem Markt ergebende Tauschwert einer Ware ist ihr Preis.
Das Ausmaß der möglichen Arbeitsteilung ist von der Größe des Marktes für eine bestimmte Ware abhängig. Bei einem kleinen Markt ist eine umfangreiche Arbeitsteilung nicht lohnend, da nur geringe Warenmengen getauscht werden und umgekehrt.
Ein Problem ist das Auffinden eines Tauschpartners, der die gewünschte Ware anbietet und die selbst bereitgestellte Ware nachfragt. Die Lösung ist die Erfindung des Geldes. Dabei handelt es sich immer um die marktgängigste Ware, also die Ware, für die sich am leichtesten Tauschpartner finden lassen. Dabei wird die herzugebende Ware zunächst gegen diese marktgängigste Ware eingetauscht. Dann findet sich meist schnell ein weiterer Tauschpartner, der die eigentlich gewünschte Ware hat und dafür die marktgängigste Ware, das Geld also, gerne annimmt. Als marktgängigste Waren erweisen sich nach einiger Zeit die Edelmetalle Gold und Silber, die sehr begehrt und außerdem auch noch unbegrenzt haltbar, leicht transportabel und gut teilbar sind. Die Tauschwerte aller Waren werden durch das Geld direkt untereinander vergleichbar und drücken sich in ihren jeweiligen Geldpreisen aus.
Die Unsichtbare Hand sorgt dafür, das die Waren die gebraucht werden, auch in ausreichender Menge zu denjenigen gelangen, die sie am meisten wünschen.


Die Unsichtbare Hand (The Atlantic online)

Einmal dadurch, das die Anbieter sich auf die Wünsche der Nachfrager einstellen, sich also in sie hineinversetzen (s.o.). Zum anderen dadurch, das sie auch die angebotene der gewünschten Menge anpassen. Kommt es etwa bei einer Ware zu einem Versorgungsengpass, ist also die Nachfrage größer als das Angebot, so steigt der Preis dieser Ware, da sich die Nachfrager gegenseitig überbieten. Diejenigen, die die Ware am meisten wünschen, bekommen sie auch, weil sie bereit sind den höchsten Preis zu zahlen. Dadurch wird es lohnender, die nun teurere Ware anzubieten. Die Anbieter weiten ihr Angebot aus oder neue Anbieter tauchen am Markt auf. Die Versorgung mit der vorher zu knappen Ware wird besser und ihr Preis fällt, bis sich Angebot und Nachfrage wieder die Waage halten. Besteht bei einer Ware ein Überangebot, so fällt ihr Preis und die Anbieter senken ihr Angebot oder scheiden sogar aus dem Markt aus. Das Überangebot geht zurück, Angebot und Nachfrage gleichen sich einander an, und die frei werdenden Mittel können zur Bereitstellung anderer, wichtigerer Waren genutzt werden.


A=Angebot, N=Nachfrage, GG=Gleichgewicht, P=Preis

Die Unsichtbare Hand funktioniert allerdings nur bei einer hinreichend gleichmäßigen Geldeinkommensverteilung richtig gut. Sind die Unterschiede zwischen Arm und Reich allzu groß, so kommen nur die Reicheren in den Besitz der Waren und nicht diejenigen, die sie am meisten wünschen bzw. am dringendsten brauchen. Die Ärmeren können dann schlichtweg nicht mitbieten. Diese Problematik hat Adam Smith im "Wohlstand der Nationen" nicht direkt behandelt; sie lässt sich aber meines Erachtens aus der Logik seiner Gedankengänge ableiten. Immerhin spricht Adam Smith aber von einem notwendigen Mindesteinkommen, um ein würdiges Leben führen zu können.
Adam Smith setzte sich für den Freihandel und gegen jeglichen Protektionismus ein. Er sah im Freihandel die Grundlage für eine, auch internationale Arbeitsteilung, um so den Wohlstand aller Völker gemeinsam zu heben und den Frieden zu sichern.

Jens Christian Heuer

Quellen:
Untersuchungen über Wesen und Ursachen des Reichtums der Völker
("Wohlstand der Nationen") von Adam Smith,
Neuübersetzung von Erich W. Streissler
Wikipedia, Einträge Adam Smith, John Locke und Thomas Hobbes

Montag, Dezember 04, 2006

START/Impressum/Haftungshinweis

Start
Wie für manchen Leser vielleicht schon aus dem Titel dieses Internetjournals hervorgeht, wird der freie Markt hier das Thema sein. Ist dieser wirklich eine eher primitive Veranstaltung, die nur das Recht des Stärkeren kennt und zu dem es leider nur keine praktikable Alternative gibt? Oder ist es vielleicht alles doch ganz anders ? Darum wird es gehen und um noch viel mehr. Wirtschaftstheorie und Politik rund um den Markt, für und gegen ihn. Ich würde mir wünschen, daß diese Themen ein großes Interesse finden und hoffe auf interessante Kommentare und vielleicht ja sogar einige Gastartikel von Lesern.

Jens Christian Heuer

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Jens Christian Heuer